Post by (brautkleider günstig) Oct 2011
Martin Walsers neuer Roman ist ein Liebes-Evangelium, das noch einmal alle Walser-Themen aufbietet von Jörg Magenau
Je älter ein Schriftsteller wird und je mehr er geschrieben hat, umso rätselhafter erscheint das, was man der Einfachheit halber als «Werk» bezeichnet. Ein «Werk» fasst auch heterogenstes Material zu einer Einheit zusammen, weil es ja schließlich ein und dieselbe Person ist, die darin ihren Ausdruck findet. So sind die frühen, an Kafka geschulten Erzählungen «Ein Flugzeug über dem Haus» ebenso Werke von Martin Walser wie der späte Goethe-Roman «Ein liebender Mann» – und nun das unglaubliche Liebes-Evangelium «Muttersohn». Sie haben im Grunde nichts miteinander gemein und sind doch, bei allen Unterschieden im Stil, im Zugriff, im altersbedingten Temperament, und trotz aller jeweils einfließenden Moden der Zeit über ein halbes Jahrhundert hinweg unverkennbar Walser.
Er selbst spricht in Bezug auf seine Romane gern von Tonarten, in denen wie in der Musik bestimmte Stimmungen oder Modulationsmöglichkeiten des eigenen Ich spürbar werden.
«Muttersohn» wäre dann wohl seine 10. Symphonie, voller mitreißender, bewegender Motive und Melodien. Viele Phrasierungen und Linienführungen sind – wie bei Bach oder Mozart – aus anderen Werken vertraut, finden hier aber doch zu einer neuen Klangfarbe. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass Musik, genauer: Chormusik, noch genauer: der Gesang als reinste Ausdruckskraft und Wirkungsmacht, in diesem Roman eine große Rolle spielt. Das gab es zuvor in Walsers Werk trotz seiner Affinität zur Musik noch nicht. Seine Chorleiterin, zugleich auch Logopädin und fast eine Heilige, trägt den Namen Elsa Frommknecht. Eine andere Leerstelle, die er in «Muttersohn» ausschreibt, ist der Glaube – nicht als kirchlicher Imperativ, sondern als ein Talent, das man besitzt wie das der Musikalität. Dass dies erst jetzt geschieht (sieht man einmal vom autobiografischen Kindheitsroman «Ein springender Brunnen» ab), ist bei einem katholisch geprägten Autor vielleicht weniger verwunderlich, als es scheint.
Percy Anton Schlugen, dessen Mutter behauptet, zu seiner Zeugung sei kein Mann nötig gewesen, ist die messianische Hauptfigur: ein Vatersucher wie Jesus, einer, dessen Existenz das Wunder voraussetzt, und der seine Gläubigkeit an dieser Mitteilung erprobt. Die Mutter heißt zwar nicht Maria, sondern Josefine, aber das ändert an Percys Vaterlosigkeit nichts. Im späteren Leben ist Percy (ein «Engel ohne Flügel») geneigt, Männer, die ihm imponieren, als Väter zu adoptieren. Eine Heiligenlegende ist darüber hinaus die Geschichte seiner Rettung auf der Landstraße, wo er am Tag vor Weihnachten, von einem Auto angefahren, im Straßengraben liegt, es ihm aber gerade noch gelingt, mit seinem Stock den Hut hochzuhalten, so dass – ausgerechnet – der Pfarrer ihn finden und retten und dann über dieses Wunder predigen kann.
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Er selbst spricht in Bezug auf seine Romane gern von Tonarten, in denen wie in der Musik bestimmte Stimmungen oder Modulationsmöglichkeiten des eigenen Ich spürbar werden.
«Muttersohn» wäre dann wohl seine 10. Symphonie, voller mitreißender, bewegender Motive und Melodien. Viele Phrasierungen und Linienführungen sind – wie bei Bach oder Mozart – aus anderen Werken vertraut, finden hier aber doch zu einer neuen Klangfarbe. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass Musik, genauer: Chormusik, noch genauer: der Gesang als reinste Ausdruckskraft und Wirkungsmacht, in diesem Roman eine große Rolle spielt. Das gab es zuvor in Walsers Werk trotz seiner Affinität zur Musik noch nicht. Seine Chorleiterin, zugleich auch Logopädin und fast eine Heilige, trägt den Namen Elsa Frommknecht. Eine andere Leerstelle, die er in «Muttersohn» ausschreibt, ist der Glaube – nicht als kirchlicher Imperativ, sondern als ein Talent, das man besitzt wie das der Musikalität. Dass dies erst jetzt geschieht (sieht man einmal vom autobiografischen Kindheitsroman «Ein springender Brunnen» ab), ist bei einem katholisch geprägten Autor vielleicht weniger verwunderlich, als es scheint.
Percy Anton Schlugen, dessen Mutter behauptet, zu seiner Zeugung sei kein Mann nötig gewesen, ist die messianische Hauptfigur: ein Vatersucher wie Jesus, einer, dessen Existenz das Wunder voraussetzt, und der seine Gläubigkeit an dieser Mitteilung erprobt. Die Mutter heißt zwar nicht Maria, sondern Josefine, aber das ändert an Percys Vaterlosigkeit nichts. Im späteren Leben ist Percy (ein «Engel ohne Flügel») geneigt, Männer, die ihm imponieren, als Väter zu adoptieren. Eine Heiligenlegende ist darüber hinaus die Geschichte seiner Rettung auf der Landstraße, wo er am Tag vor Weihnachten, von einem Auto angefahren, im Straßengraben liegt, es ihm aber gerade noch gelingt, mit seinem Stock den Hut hochzuhalten, so dass – ausgerechnet – der Pfarrer ihn finden und retten und dann über dieses Wunder predigen kann.
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