Post by (abendkleider günstig) May 2012
Immer noch die Cumbria-Landschaft im Kopf – da wirkt die vor uns liegende Industrieebene von Liverpool schon etwas ernüchternd. Darum ein kleiner Sprung, das heisst: eine Zugfahrt. Von Urs Buess
John und Jim heissen unsere Gastgeber. Sie reden etwas
Deutsch, erzählen davon, dass sie in Berlin gelebt haben, dass sie
malen, davon aber nicht leben können und deshalb Jims Elternhaus zum
Bed&Breakfast-House umgebaut haben. Sie sagen, dass sie den
nüchternen deutschen Stil lieben, dies aber nicht sagen dürfen in
Ulverstone, weil man das Deutsche hier nicht mag.
Sie fragen uns, was denn eigentlich der Unterschied
zwischen dem Deutschen und dem Schweizerischen sei. Wir sind etwas
überrascht und wissen gar nicht, was in den Augen von Engländern
eigentlich der Unterschied sein könnte. Ein Teil der Schweizer spreche
die ähnliche Sprache wie die Deutschen, sagen wir, aber nicht so
geschliffen. Aha, sagt Jim, ihr seid die Underdogs, aber als Underdogs
reicher als die Über-Dogs – das gibt es wohl sonst nirgends auf der
Welt.
Und jetzt, da eine ernsthafte Diskussion hätte beginnen
können, hatten es John und Jim plötzlich irgendwie eilig. Sie gaben uns
einen Tipp: Besucht das Laurel&Hardi-Museum. Das gibt es hier, denn
Stan Laurel (der Dünne oder: der Doofe) ist 1890 in Ulverston auf die
Welt gekommen.
Kaffee im Kino
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Das taten wir: In drei niedrigen, kleinen Räumen Hunderte,
Tausende von Fotos, Briefen von und an die beiden Komiker, einer von
Jimmy Carter aus dem Jahr 1978, der Hut von Laurel, Wachsfigur aus
Tusseauds Kabinett, Stöcke, Plaketten ... Ein umtriebiger Kurator hatte
uns empfangen. Er überredet uns, ins rührend üppig eingerichtete Kino
einzutreten. Kinobestuhlung – etwa dreissig Sitze. Wir suchten die
beiden schönsten aus, der Kurator entschwand, liess den Saal eindunkeln
und spielte einen Laurel&Hardy ab. Zwischendurch schaltete er eine
Pause ein und servierte Kaffee.
Und nun sollten wir aufbrechen, siebzig, achtzig Kilometer
durch Lancaster, Preston, Blackpool, Liverpool lagen vor uns. Nach den
Cumbria-Bergen hatten wir keine Lust, zwei Tage lang durch diese flache
Industrie- und Freizeitlandschaft zu wandern. John und Jim hatten uns
davon abgeraten. Moni setzte zu einer grundsätzlichen Diskussion über
Ferien, Erholen und Ausruhen an. Eigentlich, so sagte sie, gehöre zu
Ferien auch ein bisschen Faulenzen und sie habe nun Ferien und sie wolle
auch ein bisschen ausruhen. Ich hielt dagegen: Ich möchte nun halt
weiter südwärts wandern. Und wir fanden einen wunderbaren Kompromiss:
Wir setzen uns in den Zug nach Chester, zwei Mal umsteigen, sündhaft
teuer (hundertzwanzig Franken) und jeder Zug hat Verspätung – keiner
weniger als eine halbe Stunde. In den Bahnhöfen Ansagen über
Verspätungen. In Warrington, sagt einer, hätten heute fünfzig Züge mehr
als eine halbe Verspätung gehabt. Mir fällt ein, dass ich oben in
Schottland mein Clichee von den privatisierten, verlotterten und immer
verspäteten britischen Bahnen revidieren wollte.
Nun sitzen wir in Chester. Eine herausgeputzte Stadt, ein
Stadtkern voller teurer Läden. Die Strassen wie in den Cumbrischen
Bergen ein einziges Museum, in denen links und rechts Kulissen
aufgestellt sind. Kein Haus, das nicht in den letzten zehn Jahren
gestrichen worden wäre, das nicht mit handgeschnitzten Balken prahlte.
Unwirklich auch hier – wie im Bilderbuch.
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